Wer hätte das gedacht?

Wer hätte das gedacht?

Ein schöner Tag, eine ruhige Nachbarschaft; man kennt sich und kommt gut miteinander klar... bis eines Tages einer der Nachbarn auszieht. Wer wird wohl nachkommen? Wie werden die neue Nachbarn sein? Wird es so sein, wie mit den Alten oder wird sich alles verändern? Und dann, nach einigen Tagen fahren zwei voll gepackte Autos vor und eine sehr üppige Roma-Familie steigt aus.
Die Nachbarschaft geht auf die Barrikaden, die Zeitung wird angerufen, Protestbriefe an die Stadt geschrieben.

Von Situationen wie diese erzählt das Buch "180 Grad: Geschichten gegen den Hass" von Bastian Berbner.
"Die Familie blieb vor Christa Hermes’ Balkon stehen und schaute hoch. Auch Harald war jetzt herausgekommen. Die junge Frau stellte alle vor, sechs Namen, die Christa Hermes sofort wieder vergaß. Dann sahen die Hermes, wie die Familie durch ihre Haustür trat. (…) Und sofort ging oben das Gerenne los, die Kinder, von einem Zimmer ins nächste, tap, tap, tap, und wieder zurück, tap, tap, tap. (…)
Einen Tag später tropfte Wasser auf den Balkon der Hermes. Christa ging hoch und klingelte. Ein Kind öffnete, dann kam die Frau dazu. Es laufe Wasser vom Balkon, sagte Christa Hermes und die Frau verstand nicht. (…) Also ging sie einfach hinein in die Wohnung, vorbei an der Frau und dem Kind, direkt zur Balkontür. Draußen hingen Babywäsche, Hosen und Handtücher über einer Leine, nass wie nach einem heftigen Regenschauer. Das gehe so nicht, sagte Christa Hermes. Die Frau führte Christa Hermes ins Bad und zeigte auf die Badewanne. Christa Hermes begriff: Diese Frau hatte keine Waschmaschine, keinen Trockner und keinen Wäscheständer. Als Kind hatte Christa Hermes selbst Wäsche mit der Hand waschen müssen und jetzt erinnerte sie sich daran, wie schwielig die Hände da wurden.
Auf dem Weg zur Tür guckte sich Christa Hermes in der Wohnung um. Auf dem Tisch standen zwei Tassen. Auf dem Herd eine Erdnussdose, in der die Frau offenbar Babynahrung warmgemacht hatte. Es schien kein Geschirr zu geben. Außerdem war es viel zu warm (…). Christa Hermes deutete fragend auf den Heizkörper, und die Frau erklärte in gebrochenem Deutsch, die Kinder frören nachts in den Betten, sie hätten keine Decken, keine Kissen, nur ihre Pyjamas. „Da wurde es bei mir erst mal heller im Kopf“, erinnert sich Christa Hermes. An diesem Tag (…) brachte (sie) Wolldecken, Kissen, Bettwäsche, man hat ja von allem zu viel, sie schleppte Geschirr heran, Töpfe, Pfannen, einen Wasserkocher, eine alte Kaffeemaschine, die noch einwandfrei funktionierte.
Bald trank sie mit der Frau Kaffee, von der sie jetzt wusste, dass sie Rosi hieß. (…) Dann kam Harald dazu und erfuhr, dass *Robert*, der neue Nachbar, in Serbien als Kfz-Mechaniker ausgebildet worden war. Dass sie denselben Beruf hatten."
(Quelle: https://www.focus.de/perspektiven/gesellschaft-gestalten/buchauszug-aus-180-grad-wie-begegnungen-mit-fremden-die-gesellschaft-retten-koennen_id_11152346.html)

Situation wie diese gibt es viel und auch die Reaktionen sind nicht untypisch. Kulturschranken und Vorurteile in unseren Köpfen machen es beiden Seiten schwer sich einander anzunähern. Es bräuchte mehr Situationen, wie die in diesem Buch beschriebene, um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Luft aufzulösen. Vieles basiert auf Missverständnisse und Unwissenheit. Woher sollen die Menschen auch wissen, wie wir in Deutschland leben? Man stelle sich nur vor wir müssten von jetzt auf gleich in Serbien oder Syrien leben und uns dort zurecht finden mit nichts als dem Inhalt eines Koffers. Veränderungen sind nie einfach und so radikale Veränderungen sind umso schwieriger. Ich möchte versuchen möglichst offen zu bleiben und meine Vorurteile (von denen ich auch einige habe) zunächst auf Seite zu schieben. Ich denke so mache ich mir und den anderen das Leben ein wenig einfacher :-)